Als „Gemeinschaft der Versöhnung“ ist uns die Einheit des Leibes Christi ein Herzensanliegen, weil sie das Vermächtnis Jesu an uns, seine Jünger ist. Das gemeinsame Bekenntnis und Liebe zu Jesus, die gegenseitige Annahme als seine Jünger, hat die Verheissung, dass die Welt erkennt, dass der Vater, seinen Sohn Jesus, als Retter und Erlöser der Welt uns geschenkt hat. 

Als junger Mann hat mir 1974 Pfarrer Klaus Hess das Vermächtnis Jesu ans Herz gelegt und mich gesegnet, eine Stimme für die Einheit zu werden.

Seit Jahren beten und bemühen wir uns im Nahen Osten, und besonders in Israel, um diese Einheit unter den gläubigen Geschwistern aus dem jüdischen und arabischen Volk. Es ist schmerzlich zu erleben, wie ethnische, kulturelle, und theologische Unterschiede die Einheit unter Geschwistern immer wieder verhindern, aber wir sind nicht entmutigt, im Gegenteil. Wir durften mit Freude miterleben, wie oft im Verborgenen, unter jüdischen und arabischen Geschwistern, Durchbrüche zu einer Einheit des Herzens in der gemeinsamen Liebe zu Jesus stattfanden.

Es wird heute viel über Einheit gesprochen, und das ist auch absolut notwendig, denn das Gebet um Einheit – zusammen mit dem Gebot der Liebe zu Gott und zu unserem Nächsten – ist das Vermächtnis des Sohnes Gottes, der sein Leben für sein Volk Israel und für die Welt gegeben hat. Daran hat Jesus die Verheissung geknüpft, dass wir als zu ihm gehörig erkannt werden, und dass die Welt glauben wird, dass der Vater ihn gesandt hat.

„Ich bitte…, dass alle eins seien, wie du, Vater in mir und ich in dir; dass sie in uns eins seien, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast.“

Johannes 17, 19-20

„Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr einander liebet, wie ich euch geliebt habe, sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr untereinander Liebe habt.“ 

Johannes 13, 35

Wollen wir, seine Söhne und Töchter, uns als Jünger Jesu erweisen, wollen wir die Welt für ihn gewinnen, so ist unser Ringen um Liebe und Einheit unabdingbar. Doch Einheit bedeutet nicht notwendigerweise, die gleiche Meinung zu haben, die gleichen Ausdrucksformen und Traditionen des Glaubens, nicht einmal unbedingt die gleiche Theologie. Denn nach Paulus bleibt letztlich all unser Erkennen Stückwerk: „Denn Stückwerk ist unser Erkennen und Stückwerk unser Prophezeien.“ (1.Korinther 13, 9).
Dieser Hinweis des Paulus muss uns in einer demütigen Haltung bewahren, damit wir die, die unsere Erkenntnis nicht teilen, weder richten noch uns von ihnen abwenden. Denn am Ende wird niemand für sich allein das ganze Bild haben. Gott hat das so eingerichtet, damit in seiner Familie, die durch den heiligen Geist und durch den Glauben an seinen Sohn geboren ist, sich keiner über den anderen erhebe. Gott möchte, dass wir demütig unsere Stückwerke zusammenbringen und sie durch den einzig möglichen Schlüssel – nämlich die gemeinsame Liebe und Leidenschaft für den Messias Jesus – zu einem Ganzen zusammenfügen.

Am Ende müssen alle unsere Erkenntnisse und Offenbarungen an den Früchten des Geistes Gottes geprüft und bestätigt werden. Entsprechen unsere Erkenntnisse und Haltungen dem Charakter des Heiligen Geistes, dem Wesen Christi, dem Herzen Gottes – oder nicht? Denn was hilft uns am Ende all unser Erkennen, unsere Offenbarungen, ja unsere richtige Theologie, wenn wir das Angesicht des Messias im Bruder, in der Schwester, die ihn lieben, nicht mehr sehen können? Wenn wir nur die sehen und suchen, die unserer Meinung sind? Wenn wir nicht fähig sind, uns in allem Jesus, das Lamm Gottes, den Löwen von Juda, den Geliebten des Vaters vor Augen zu führen und ihn jedem mit allen Mitteln lieb zu machen? Am Ende werden wir allein an unserer Liebe zu Jesus und zum Bruder sowie an unserer Barmherzigkeit der Welt gegenüber gerichtet.

Gerade das ist die Wirklichkeit des Reiches Gottes, das nicht von dieser Welt ist: wenn wir uns über Verschiedenartigkeit hinweg einander in Liebe zuwenden. Wenn wir über die Spannung verschiedener Ansichten und Akzentsetzungen in Glaubensfragen hinweg einander die Hand reichen und miteinander in Liebe und Hingabe zu dem, der uns zuerst geliebt hat, gegenseitig ermutigen. Da, wo wir unsere ethnischen, kulturellen, traditionellen, theologischen und politischen Überzeugungen der gemeinsamen Liebe zu Jesus unterordnen, erweisen wir uns als nicht von dieser Welt. Wo wir zusammenstehen, damit sein Angesicht in unseren verschiedenen Ausprägungen sichtbar wird, kann das Reich Gottes durch uns in die Welt hinein fliessen. Denn solange jemand mit uns bekennt, dass Jesus, der gekreuzigte und auferstandene Sohn Gottes, die einzige Quelle des Heils für diese Welt ist, ist er unser Bruder, Teil unserer Familie. Auch wenn er andere Akzentsetzungen in seinem geistlichen Leben und Arbeiten hat.

Der tiefste Ausdruck von Gemeinsamkeit entfaltet sich da, wo ich mit meinem Bruder am Tisch des Herrn, in Abendmahl / Eucharistie, den Herrn empfangen kann. Sollte das nicht möglich sein, wird die Liebe uns nicht erlauben, uns voneinander abzuwenden. Die Liebe wird den Schmerz ertragen und die Gemeinschaft im Gebet suchen. Wenn auch das nicht möglich sein sollte, wird die Liebe mir auch hier nicht erlauben, mich abzuwenden, sondern das Gespräch zu suchen und mit allem Schmerz vor Gott für den Bruder einzustehen.

Die Liebe wird alles daran setzen, dass ich mich in meinem Herzen nicht vom Bruder trennen lasse. Denn Trennung, Abgrenzung und Entfremdung entstehen nicht in erster Linie durch das, was aus dem Herzen des anderen kommt, sondern durch das, was ich in meinem eigenen Herzen zulasse. Wenn ich zulasse, dass Enttäuschungen, Verletzungen, Ungerechtigkeiten und Demütigungen mein Herz hart und bitter machen, liegt das an mir. Wenn ich zulasse, dass in meinem Herzen Mauern entstehen, die mich von meinem Bruder trennen, ist das meine eigene Verantwortung vor Gott. Denn ich habe immer die Möglichkeit, mein verletztes Herz dem zu bringen, der gebrochene Herzen verbindet und heilt.

Die Hoffnung auf Einheit ist allein in der Liebe Gottes begründet, die in meinem Herzen ausgegossen wurde (siehe Römer 5,5). Wenn ich mein eigenes Herz nicht zur Rechenschaft ziehe, wenn ich mich nicht immer wieder an der Liebe Gottes ausrichte, kann sich wahre Einheit, die das Gesicht Christi offenbart, nie entfalten.

Suche ich nur das Vertraute, das Gewohnte, das Eigene – und damit mich selbst? Oder nehme ich mir – wie Paulus – vor, ihn, Christus, den Gekreuzigten und Auferstanden, zu suchen und zu lieben? Nur so werde ich ihn in jeder christlichen Kultur, in jeder Tradition, wo er geliebt wird, wiederfinden. Denn die Liebe zu Jesus, die Leidenschaft für ihn, hat letztlich überall den gleichen Geruch.
Eine seltsame, ja tragische Mentalität hat sich im Volk Gottes, in der Gemeinde Jesu entwickelt. Nämlich die, dass wir schnell dabei sind, jeden, der nicht unsere Spiritualität, unseren theologischen Geruch aufweist, aus dem Reich Gottes hinaus zu weisen.

Entspricht das etwa der Mentalität Jesu? Wo er doch sein Leben hingab, damit möglichst viele hineinkommen und gerettet werden. Er kam, um zu suchen und zu retten, was sich retten lässt. Und wir? Wir sind so schnell bereit, hinauszuweisen, uns abzugrenzen!

Machen wir das Herz des Vaters froh, ehren wir Jesus für sein Opfer am Kreuz, indem wir als Protestanten, Katholiken, orthodoxe Christen, messianische Juden, Charismatiker und Evangelikale, Orden und Gemeinschaften und wer immer den Namen des Gekreuzigten und Auferstandenen liebt, das Gemeinsame, die Liebe zu Jesus ineinander suchen und uns darüber freuen! Alles andere aber, was uns fremd und unverständlich ist, können wir getrost stehen lassen. Besser wäre es jedoch, den Herrn zu bitten, dass er uns hilft, im uns Fremden und Unvertrauten das, was uns ergänzen, befruchten und unseren Herzenshorizont erweitern kann, sehen zu können. Dadurch würde unsere Bewunderung, unsere Freude über den Reichtum Gottes in seiner weltweiten Kirche wachsen. Und unser Zeugnis für die Welt würde eine ungeahnte Autorität und Auswirkung haben, denn daran wird die Welt erkennen, dass der Vater Jesus gesandt hat.

Möge Gott uns Gnade geben, uns aufzumachen, aus Liebe zu ihm unsere Berührungsängste hinter uns zu lassen. Aus Liebe zu ihm uns aufeinander einzulassen, über Verschiedenartigkeit hinweg, um Jesus ineinander zu finden. So wird unsere Liebe zu ihm und zueinander wachsen, denn es ist die Liebe, die am Ende in der Welt erkalten wird. Somit ist sie das kostbarste Gut, das Gott dieser Welt gibt. Und wo anders sollte sie zu finden sein als in seinen Söhnen und Töchtern?

Marcel Rebiai

Marcel Rebiai

Marcel Rebiai – wurde in Algerien geboren, kam als Kind in die Schweiz und wuchs bei Pflegeeltern auf. Er machte die Ausbildung zum Primarlehrer und Katechet in der Landeskirche und wurde spä̈ter Grü̈nder und Leiter der „Gemeinschaft der Versö̈hnung“. Marcel wuchs in einer moslemischen Familie auf und wurde dann Christ. Bei seiner Heirat in der Schweiz stellte sich heraus, das seine Mutter Jüdin ist. Marcel und Regula Rebiai leben seit zwanzig Jahren in Israel.